Der Wiener Winter zeigt sich auch heuer wieder von seiner genussvollsten Seite. Wenn die Stadt in goldenes Licht getaucht ist und die Nächte länger werden, öffnen die Spitzenköche ihre neuen Menükarten – elegant komponierte Degustationen, die zwischen österreichischer Herkunft und internationalem Anspruch balancieren.
Juan Amador – der Purist mit Perfektion
In Grinzing bleibt Juan Amador seiner Linie treu: Reduktion, Präzision, Perfektion. Das Dreisternerestaurant serviert derzeit eine konzentrierte Folge aus maritimem Luxus und österreichischer Seele – etwa Carabinero aus Huelva, Seehecht mit Lauch und Quail aus der Loire. Dazu gesellen sich Amadors ikonische Brotauswahl und ein Dessertrhythmus, der süß, salzig und säurebetont zugleich wirkt. Der Weinbegleiter: kompromisslos europäisch, mit Tiefgang und Textur.
Silvio Nickol – der Architekt der Aromen
Im prunkvollen Palais Coburg entfaltet Silvio Nickol seine Küche wie ein feines Bauwerk aus Schichten und Kontrasten. Das aktuelle Wintermenü 2025/26 beginnt leicht, fast verspielt, um dann in kraftvolle Kompositionen überzugehen. Fisch, Krustentiere und Wild bilden die Achse, immer begleitet von klarer Linie und präziser Präsentation. Nickol versteht es, komplexe Technik mit emotionaler Sinnlichkeit zu verbinden – eine Küche für Feinschmecker, die Ruhe und Tiefe schätzen.
Steirereck – Jahreszeiten auf dem Teller
Im Steirereck im Stadtpark wird die Saison spürbar: In den kommenden Monaten dominieren Wurzelgemüse, Pilze, Nüsse und zarte Wildaromen. Heinz Reitbauer bringt das alles mit gewohnter Klarheit und feiner Hand auf den Punkt. Das Menü wirkt wie ein Spaziergang durch die österreichische Landschaft im Spätjahr – von der Feldwurzel bis zur Haselnuss, vom Karpfen bis zum Mangalitza. Keine Show, kein Übermaß, sondern ein stiller Dialog zwischen Natur und Küche.
TIAN – die Kunst des Vegetarischen
Dass Fine Dining auch ohne Fleisch funktioniert, beweist das TIAN unter Küchenchef Paul Ivić seit Jahren. Im Winter stehen fermentierte und gereifte Gemüsesorten im Mittelpunkt – Sellerie, Topinambur, Rote Rübe. Dazu kommen Pilzjus, Nussöle und fermentierte Fruchtessenzen, die jedem Gang Tiefe verleihen. Das vegetarische Menü ist ein Fest der Texturen, bei dem Nachhaltigkeit und Geschmack denselben Stellenwert haben.
Mraz & Sohn – verspielte Präzision in der Brigittenau
Wer den Überraschungsmoment liebt, findet ihn hier. Das Zwei-Sterne-Haus Mraz & Sohn bleibt eines der kreativsten Lokale Wiens. Im Winter wechseln die Gerichte beinahe wöchentlich, oft spontan und saisongetrieben. Handwerk, Humor und Risikofreude zeichnen die Küche von Markus Mraz aus – hier darf das Degustationsmenü Ecken und Kanten haben, bleibt aber stets präzise und stimmig.
Wien zwischen Klassik und Avantgarde
Die Wintersaison 2025/26 zeigt, wie vielfältig die Wiener Gourmetszene geworden ist. Zwischen der puristischen Finesse bei Amador, der modernen Vegetarikküche im TIAN und dem traditionsbewussten Steirereck spiegelt sich eine Stadt, die ihre kulinarische Identität immer wieder neu erfindet – respektvoll gegenüber der Vergangenheit, mutig im Blick nach vorn.

