Mit Potentialities präsentiert die Kunsthalle Wien derzeit die erste umfassende Ausstellung von Richard Hawkins in Österreich – eine Werkschau, die über drei Jahrzehnte künstlerischen Schaffens sichtbar macht. Mehr als 100 Arbeiten aus neun Werkgruppen zeichnen ein vielschichtiges Bild des US-Künstlers, dessen Praxis seit den 1990er Jahren tief in Themen wie Begehren, Popkultur, Ikonografie und der Lust am Betrachten verankert ist. Die Ausstellung ist seit dem 26. November geöffnet und zählt zu den spannendsten Kunstereignissen dieser Wintersaison.
Ein Künstler zwischen Kunstgeschichte, Popkultur und Subversion
Richard Hawkins, geboren 1961 in Texas, ist bekannt für eine künstlerische Sprache, die Grenzen bewusst verwischt. Seine Collagen, Gemälde, Keramikreliefs und Videos verbinden Elemente aus Kunstgeschichte, Literatur, Performance, Modefotografie und queeren Subkulturen. Hawkins bezeichnet seine Arbeitsweise selbst als „promiskuitiv referenziell“ – ein Ansatz, der ästhetische und kulturelle Bezugssysteme radikal vermischt und neu zusammensetzt.
Die Ausstellung zeigt, wie Hawkins seit den frühen 1990er Jahren Bildmaterial sammelt, sortiert, kombiniert und in neue Formen überführt. Sein Zugang erinnert an intime, fast obsessive Sammeltechniken: das Ordnen von Ephemera, das Zusammenstellen von Visionen, das Collagieren von persönlichen wie öffentlichen Bildern.
Themenfelder von mythologischen Figuren bis zu Internet-Subkulturen
Zu den zentralen Werkgruppen zählen Überarbeitungen klassischer Motive – etwa griechische und römische Skulpturen oder die Salome-Erzählung, die Hawkins neu interpretiert. Seine Version transformiert die bekannte biblische Geschichte in eine düstere, grelle Fabel einer „Homo-Dystopie“, angesiedelt in einem grotesken Vergnügungspark.
Weitere Kapitel widmen sich Künstlerbiografien und Obsessionen, etwa jenen des japanischen Choreografen Tatsumi Hijikata, des französischen Schriftstellers Antonin Artaud oder des amerikanischen Malers Forrest Bess.
In jüngeren Arbeiten collagiert Hawkins Videomaterial aus digitalen Subkulturen, Memes und KI-bearbeiteten Sequenzen – Werke, die er selbst als „queere Exorzismen“ beschreibt. Auch Tapeteninstallationen, die aus Vergrößerungen seiner Werke entstehen, überlagern verschiedene Werkphasen und eröffnen neue Lesarten.
Hollywood, Bonnard und die Inszenierung von Begehren
Ein jüngerer Werkzyklus widmet sich Hollywood-Ikonen. Hawkins kombiniert Paparazzi-Bilder mit historischen Kostümen und visuellen Versatzstücken, die er mit überzeichneten Kragen, Hautdarstellungen oder ornamentalen Details in neue Kontexte setzt. Parallel dazu entwickeln sich Arbeiten, die auf das Spätwerk von Pierre Bonnard reagieren – Stillleben, Früchte, üppige Farbigkeit und junge Männer in traumartigen Landschaften. Auch diese Werke zeigen Hawkins’ Fähigkeit, Tradition, Popkultur und Begehren ineinander zu verweben.
Ein vielschichtiger Blick auf drei Jahrzehnte
Richard Hawkins: Potentialities ist eine Einladung, tief in das visuelle Universum des Künstlers einzutauchen. Die Kombination aus frühen Collagen, Skulpturen, Keramik, farbintensiven Gemälden und digitalen Experimenten verdeutlicht eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit Körpern, Identitäten und Projektionen.
Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt der Kunsthalle Wien und der Kestner Gesellschaft Hannover, wo die Werkschau ab Frühjahr 2026 zu sehen sein wird.
Adresse
Kunsthalle Wien, Museumsquartier
Museumsplatz 1, 1070 Wien
Die Redaktion von Austria Travel Tips meint
Mit Potentialities zeigt die Kunsthalle Wien einen der markantesten Beiträge zur aktuellen Kultursaison. Die Ausstellung eröffnet differenzierte Perspektiven auf Identität, Bildtraditionen und Begehren und bietet einen intensiven Zugang zu einem Künstler, der seit Jahrzehnten an den Rändern und Schnittstellen visueller Kultur arbeitet.

